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Short stories : Boschura; Eine Geschichte von Bulgarien Schriftsteller Yordan Yovkov auf Deutsch

Yordan Yovkov-2

Boschura: Eine Geschichte von Bulgarien Schriftsteller Yordan Yovkov auf Deutsch

Hadschi Waiko, Penius’ Sohn, erbaute diesen Brunnen im Jahre des Herrn 1783.
Brunneninschrift

Kaluda, die Zigeunerin, verhökerte allerlei Kleinkram, der eigentlich nur dazu diente, ihre Bettelei zu bemänteln: weiße und rote Tonerde, Lehm, gedörrte Kornelkirschen, Spindeln. Es war schwer, all das zu verkaufen; denn die Frauen feilschten und wollten wenig zahlen, einige nahmen ihr gar nichts ab. Aber die alte Zigeunerin hatte herausgefunden, daß sie bessere Geschäfte machte, wenn ihre Tochter Boschura sie begleitete.
Als Boschura noch klein war und bei kaltem Wetter am ganzen Leibe zitterte, als fröre sie – dazu hatte die Mutter sie angehalten – ließen sich die Frauen eher erweichen. Im Grunde stand hinter dem Mitleid nur Staunen, daß eine Zigeunerin ein so schönes Kind hatte. Inzwischen war Boschura zur Jungfrau herangewachsen. Die großen schwarzen Augen des einst fröstelnden Zigeunerkindes blickten keck und mutwillig; sie war schlank, war erblüht wie eine wilde Heckenrose. Nur ihr zuliebe, um ihres Lachens, um ihrer Schönheit willen, die alle bezauberte, kauften die sonst so geizigen Bäuerinnen die billigen Waren Kaludas und bezahlten ihr, was sie forderte, ja, sie gaben sogar etwas mehr, von einem schmerzhaften Gefühl bewegt, das als Neid zu bezeichnen sie sich weigerten.
Aus alledem zog Kaluda ihren Nutzen. Endlich hatte sie den Talisman für ihr Geschäft gefunden; deshalb sollte Boschura sie immer begleiten. Doch jetzt ließ sich das junge Mädchen nichts mehr vorschreiben. Wollte die Mutter ihr etwas befehlen, so hatte das zur Folge, daß sie den Rücken kehrte und tat, was ihr gefiel. Besonders im Frühling. “Der März herein, mit uns hinaus!” sagten die alten Zigeuner, wenn sie sich sonnten. Dann wurde auch Boschura wie toll: Ihre Augen glänzten, ihr Leib schien die Last der Kleider nicht zu spüren; sonnentrunken wie die Bienen, die um den Blust der Apfelbäume summten, lief sie in die Nachbarhäuser, brachte die Greise zum Lachen, spielte mit den Kindern, und die jungen Zigeuner sandten ihr Seufzer und glühende Blicke nach.
Da halfen weder Kaludas Bitten noch ihre Drohungen. Zuweilen erhob sich zwischen den beiden, ein Streit, wie man ihn nur in einer Zigeunerkate hören konnte. Gelang es der Mutter endlich, das Mädchen zu überreden, so einzig und allein durch das Versprechen, sie in Hadschi Walkos Haus mitzunehmen.
Dorthin ging Boschura gern. Als Kind, an die Röcke der Mutter geklammert, hatte sie auf dem weiten, von hohen Mauern umgebenen Hof mit staunenden Augen die alten Buchsbäume, die Weinlaube und das Basilienkraut zwischen den Steinfliesen betrachtet. Und sooft vor einem hohen Feiertag der gesamte Hausrat zum Großreinemachen hinausgetragen wurde, stand sie wie gebannt von der teuchtenden Pracht. Die Teppiche, die Wolldecken, die poldstickereien und die schwere Seide der Gewänder – all dieser Reichtum betäubte sie. Am meisten aber bewunderte sie die rosenroten Zweige des Weidenbäumchens, das Hadschi Waiko vom Heiligen Grabe mitgebracht hatte, denn so etwas gab es in der ganzen Gegend nicht noch einmal.
Jetzt betrat Boschura ruhig und heiter den Hot des reichen Großbauern und beachtete weder die Buchsbäume noch die wundersame Weide. Sie kam nur der Tochter des Hauses wegen. Während sie, im Bewußtsein der eigenen Schönheit, geringschätzig auf alle anderen Frauen herabblickte, war ihr, als käme sie zu dieser Ganaila wie zu ihresgleichen. Boschura hielt sie für das schönste Mädchen weit und breit und begriff nicht, daß sie sich nichts darauf einbildete, ja sich ihrer Reize nicht einmal bewußt zu sein schien. Ganaila arbeitete, schien aber schlaff und träge zu sein. Ohne sich sonderlich zu pflegen, ohne es überhaupt zu wollen, wurde sie von Tag zu Tag schöner, ihr Körper reifte und schwellte wie eine süße, köstliche Frucht.
Man konnte nicht behaupten, daß Boschura sie liebte. Boschura liebte niemanden und band sich auf die Dauer an nichts. Aber in Ganaila sah sie alles, was sie selbst nicht besaß und so heiß begehrte. Ihr gefielen Ganailas milchweiße Haut, das blonde Haar, der reine wohlriechende Leib, den die weichen Falten der Seide umhüllten. Und wäre es möglich gewesen, sie hätte diese Schönheit unbedenklich gestohlen.
Manchmal betrachtete sie Ganaila lange, unverwandt und voller Tücke, zugleich aber so verzückt und begeistert, wie der Wilde sein Götzenbild anstarrt. Ihre Augen sprühten; sie streichelte vorsichtig, als fürchte sie, dem Mädchen mit ihren rauhen Fingern weh zu tun, den weißen, bis zum Ellbogen entblößten Arm und flüsterte:
“Wie weiß du bist, so weiß und… oh!… so schön!”
Ganaila lachte.
Nun, Boschura war eine Zigeunerin, und diese Ausbrüche aufrichtiger Zärtlichkeit kamen niemals von ungefähr: Bald erschmeichelte sie sich einen gläsernen Armreifen, bald ein abgelegtes Kleidungsstück, und mit zunehmender Dreistigkeit pflückte sie die schönste Nelke, schmückte sich damit und spiegelte sich mit Ganaila zusammen in der Fensterscheibe.
Unterdessen wurden die Hausfrau und Kaluda handelseinig. Die Schöpfkelle, mit der sie Mehl heraufgeholt hatte, noch in der Hand, sah die alte Bäuerin mit ihrem gütigen, wie aus der Tiefe des Herzens dringenden Blick die beiden Mädchen an und lächelte. Auch Hadschi Waiko, stattlich, ergraut und würdevoll wie ein Fürst, war auf dem Hof. Er beaufsichtigte die Arbeiter, die Gräben zogen und irdene rote Röhren legten, denn er ließ einen Laufbrunnen errichten – das einzige, was seinem Ruhm noch fehlte. Er bemerkte, was vor dem Fenster geschah, doch da Ganaila sein einziges Kind war, ließ er sie gewähren, obgleich er gutacht gab, wohin die Hände der beiden Zigeunerinnen tasteten.
Eines konnte Boschura nicht verstehen: Weshalb wies die schöne Ganaila ihre Freier so beharrlich ab? Auf wen wartete, auf wen hoffte sie?
Die junge Zigeunerin, die oft im Dorf umherstrich und allen Klatsch, alle Ränke kannte, wußte genau, daß die Leute über Ganaila sprachen und mutmaßten, für wen sie bestimmt sei. Auf solche Geheimnisse war sie aus, sie freute sich darüber, als bezögen sie sich auf sie selbst, und wenn sie dann Ganaila das alles erzählte, fühlte sie sich geradezu beraubt. Stumm und gespannt wartete sie, was die andere wohl sagen würde. Doch Hadschi Walkos Tochter blieb gelassen und gleichgültig wie immer. Da flammten die Augen der Zigeunerin in wildem Haß auf; denn ein Tausendstel von dem, was sie da hinterbrachte, hätte genügt, sie selbst glücklich zu machen. Aber diese weiße Puppe schien statt des Herzens einen Stein in der Brust zu haben!
Eines Abends kehrten Boschura und ihre Mutter aus dem Walde zurück. Am entgegengesetzten Dorfende erschienen zwei Reiter auf der Straße, die hinter dem Hügel unterhalb der Wälder die grüne Ebene durchschnitt. Ein weißes Rauchwölkchen stieg über ihren Köpfen auf, dann hörten die beiden Frauen den Knall eines Schusses. Es sah aus, als glitten die Reiter dem Dorfe zu. Nun zeigten sich über ihnen zwei weitere weiße Wölkchen, und die Schluchten am Startschawald hallten von den Schüssen wider. So meldeten nach altem Brauch Reisende ihre Heimkehr.
Nur dies nahmen Mutter und Tochter wahr, und sie vergaßen es bald, denn sie waren müde von dem langen Weg und der schweren Last, die sie auf dem Rücken schleppten. Als sie ins Dorf kamen, dunkelte es schon, und als erstes bemerkten sie, daß vor allen Türen Frauen standen. Kaluda ging voran; sie kümmerte sich nicht um die Frauen, und wenn sie nach rechts oder links blickte, so nur, um zu sehen, ob nicht irgend etwas liegengeblieben sei, was sie rasch unter der Schürze hätte verstecken können. Boschura ging hinter ihr. Die Last, die sie trug, schien sie nicht zu drücken, ihre gertenschlanke Gestalt schritt aufrecht und federnd einher. Von Zeit zu Zeit blitzten ihre Augen auf. Ein Rudel Kinder liefen ihr nach und schrien:
“Boschura, Boschura, gib uns Pfingstrosen!”
“Fort mit euch!” rief sie lachend und ohne böse zu werden. “Woher soll ich die wohl nehmen?”
Sie ließ die Kinder schreien, soviel sie wollten, und blieb im Dunkel stehen, um zu lauschen, was die Frauen miteinander sprachen. Überall war von einem gewissen Wassiltscho die Rede, man zählte seine Verwandten und seine Reichtümer auf, und schließlich fiel auch Ganailas Name. Boschura horchte auf.
“Nein, daraus wird nichts”, hörte sie die Stimme der Muhme Dobrewitza, einer Frau, die immer ein Büschel Storchschnabel am Kopftuch trug und über alles Bescheid wußte. “Daraus wird nichts, sage ich euch. Ausgerechnet Hadschi Waiko wird seine Tochter diesem Trunkenbold geben!”
Boschuras Neugier wuchs. Sie schlich im Schatten der Dächer von einem Häuflein Weiber zum anderen und gelangte schließlich zu Bontschos Schenke. Grelles, gelbes Licht fiel aus den Fenstern und zerschnitt die Dunkelheit. Draußen standen die beiden Reiter; bald verloren sie sich im Dunkel, bald traten sie wieder ins Helle. Boschura preßte sich an die Mauer. Wer mochte wohl Wassiltscho sein? Etwa der ältere Mann, den sie jetzt sah? Aber da wurde weiter hinten ein Pferd unruhig, Hufeisen klirrten auf dem Pflaster, und mitten im Licht erschien der zweite Reiter. Schwarz, feurig, in Schweiß gleißend war sein Pferd; die schwere Mähne hing ihm zu beiden Seiten des Halses herab. Der Reiter selbst war ein stattlicher Bursche mit blondem Schöpf unter der schrägsitzenden Mütze und mit flatternden Rockärmeln. Ja, das musste Wassiltscho sein. Er hob einen schweren Becher zum Munde, trank und goß den Rest auf die Mähne seines Pferdes. Boschura, dicht an die Mauer gedrückt, hörte ihr Herz wild pochen. Und schon bäumten sich die Rosse, sprengten die Straße hinauf, im Schatten verschwindend, dann wieder von Licht bestrahlt. Unter den Hufen sprühten Funken hervor.
Boschura blickte ihnen nach. Auf den also hat Ganaila gewartet, dachte sie, und ihr Haß auf Hadschi Walkos Tochter brach ungestüm hervor. Sogleich aber fielen ihr die Worte der Dobrewitza ein. Nein, niemals würde der Großbauer sein Kind diesem Trunkenbold geben. Das reute sie, sie löste sich von der Wand und ging nach Hause. Mit einemmal verspürte sie Lust, zu singen, zu laufen. Große Sterne glitzerten über den dunklen Dächern, und ihr schien, daß sie ihr zulächelten. Hinter ihr rauschten die Wälder. Wie oft hatte sie dieses Rauschen schon gehört. Jetzt war ihr, als sängen kräftige Männerstimmen.
Das trug sich an einem Sonnabend zu. Der Sonntag brachte wie immer Dudelsackweisen und Reigen, den Glanz der Seidenkleider und das fröhliche Treiben am Brunnen. Dann kam der Montag, und im Dorf wurde es still. Nur Webstühle knarrten, Spinnräder summten. Plötzlich aber, schon früh am Morgen, erklang in der Schenke am Hügel Geigenspiel – Wassiltscho war gekommen und zechte. Es war nicht schwer zu erraten, weshalb er Fröhlichkeit heuchelte, seine Augen aber trübsinnig und schuldbewußt dreinblickten, wenn er das Glas hob und zu Hadschi Walkos Haus hinüberschaute: Ganaila hatte wieder einmal einen Freier abgewiesen.
Ab und zu zogen die Musikanten vom Hügel fort, verschwanden in den schmalen Gassen und ließen sich auf den Dorfplätzen hören. Spielleute voran, ging Wassiltscho mit wehenden Ärmeln an Hadschi Walkos Haus vorbei; doch das Tor blieb verschlossen, die Mauern waren hoch wie die einer Festung, hinter den Fensterscheiben bewegte sich nicht einmal der Zipfel eines Vorhangs. Und Wassiltscho kehrte in die Schenke zurück.
Unterhalb des Altans, auf dem er saß, stand Boschuras Kate. Den ganzen Tag lang duckte sich das Zigeunermädchen in den Schatten der Obstbäume und spähte durch die Hecke. Gegen Abend nahm sie den Besen und machte sich daran, den Hof zu fegen.
Auf dem Tisch vor Wassiltscho, neben den Gläsern voll dunklen Weines, lagen ein paar Äpfel. Er nahm einen und warf ihn nach Boschura, verfehlte sie aber. Sie tat, als wäre nichts geschehen. Da warf er einen zweiten Apfel, und der traf sie am Arm, so daß ihre gläsernen Reifen klirrten und in Scherben zu Boden fielen. Boschura richtete sich auf; sie zog die Augenbrauen zusammen und bemühte sich, zornig auszusehen, unterdrückte aber mit Mühe das fröhliche Lachen in ihren Augen.
“Wassiltscho!” rief sie.
“Herr, du bist doch ein Mensch! Warum treibst du deinen Spott mit mir? Ich bin ja nur eine Zigeunerin; mein Vater schnitzt Spindeln, meine Mutter verkauft sie…”
Sie drehte sich um, daß ihre Zöpfe flogen, und lief ins Haus. Wassiltschos Blick folgte der schlanken Gestalt, er beobachtete ihren schwebenden, wiegenden Gang. Als sie verschwunden war, hob er den Becher, die Geiger setzten ein, die Pauke dröhnte.
Von nun an war Wassiltscho täglich in der Schenke zu finden. Manchmal fiedelten die Spielleute für ihn, manchmal nicht. Aber nie mehr zog er an Hadschi Walkos Gehöft vorbei; er hockte von früh bis spät auf dem Altan und starrte zu Boschuras Hof hinüber.
Der Herbst kam, zur Arbeit blieben nur noch wenige schöne Tage. Boschura und ihre Eltern hielten sich meist im Walde auf. Der Vater fällte Eschen und Linden, aus deren Holz er Spindeln und Näpfe schnitzte. Die Mutter – häßlich wie eine Hexe, mit wild wehenden Haaren – kletterte auf die Felsen, verschwand in der Wildnis, suchte Wurzeln und Heilkräuter. Auch für Boschura gab es viel zu tun. Sie drehte Scheiben aus weißer Tonerde, die sie in der Sonne trocknen ließ, und sammelte Reisig. Bald aber verlor sie die Lust, und sobald sie sich unbeobachtet wußte, schlich sie davon.
Sie lief aus dem Walde, sprang über den Bach, stieg bergan. Vor ihr ragten Felsen auf, die sie erklomm. Oben machte sie halt und schaute in die Runde. Zu ihren Füßen glitzerte ein Weiher, groß wie ein See. Der Sonnenschein teilte ihn: Auf der einen Seite war er beschattet; dort sah das Wasser grün aus, die Steine auf dem Grunde schimmerten dunkel, und lange Wurzeln wanden sich wie schwarze Schlangen hinab. Der Felsblock aber, auf dem Boschura stand, lag im vollen Sonnenlicht; hier war das Wasser hell, still und glatt, es wirkte unermeßlich tief und warf das Blau des Himmels und der weißen Wolken zurück.
Boschura trat an den Rand des Steines und beugte sich vor. Wie in einem Spiegel tauchte ihr Gesicht im Wasser auf, blickte sie an und lächelte.
Das war seit einigen Tagen ihr Geheimnis. Nirgends und niemals hatte sie sich so gut betrachten können. Sie hatte sich zwar des öfteren in Hadschi Walkos Fensterscheiben gespiegelt, aber in denen hatte sie schwarz ausgesehen, wie geräuchert – vielleicht auch deshalb, weil dort Ganaila neben ihr stand. Hier dagegen war sie allein. Und schön sah sie aus! Ihr Haar hatte die Farbe reifer Holunderbeeren. Und erst die Augen, die kleinen Sommersprossen unter dem einen. Noch schöner schien sie, wenn sie lachte. Weiß war ihre Haut nicht, aber auch keinesfalls schwarz; ihr Gesicht hatte die Farbe überglaster Tonerde.
Sie streckte die Arme aus und verflocht die Finger ineinander. Ein tiefer Atemzug hob ihre prallen Brüste, die das Hemd spannten, ihr Blick verschleierte sich, sie seufzte. Dann erschauerte sie, dachte ein Weilchen nach und wandte sich um. Es war niemand da. In der Ferne blauten die Berge, weit unten wogten gelb die Felder, aus dem Wald klangen die Axthiebe des Vaters. Und Sonne, helle Sonne flutete allenthalben hernieder, es war wie ein Regen von Sonnenstrahlen. Unvermittelt wurde Boschura traurig. Sie umspannte die Knie mit den Händen und blieb regungslos, mit gesenktem Kopf sitzen.
Da bewegte sich etwas im Wasser. Boschura beugte sich vor und schaute hinab; ihr Antlitz tauchte wieder auf, sie lächelte, und die andere Boschura lächelte zurück. Auf einmal fuhr sie zusammen und unterdrückte einen Schrei: Ein zweites Gesicht erschien im Wasser – Wassiltschos Gesicht lächelte sie an. Einen Augenblick lang war Boschura verwirrt; denn dieses Bild schien aus der Tiefe zu kommen, daher, wo auch der blaue Himmel und die weißen Wolken schimmerten. Sie drehte sich um. Wassiltscho stand hinter ihr. Als sie seine Augen sah, fühlte sie, daß sie fliehen müßte. Aber eine süße Wärme durchströmte ihren jungen Leib. Die Beine waren ihr wie gelähmt. Wassiltscho ergriff ihre Hand. Sie sträubte sich und folgte ihm doch, wohin er sie führte. Die beiden verschwanden im Walde. Hier und dort schwankten rotblühende Zweige und verrieten ihren Weg.

Dem Dorf und besonders der Muhme Dobrewitza blieb kein Geheimnis verborgen. Die Alte flüsterte mit den Frauen, und das Büschel Storchschnabel an ihrer Schläfe wippte dabei unausgesetzt.
“Er soll Boschura versprochen haben, daß er zurückkommen und sie heimführen wird. Ja, ja, der kehrt zurück, wenn mein Vater aus dem Jenseits zurückkehrt…! ,Warte auf mich`, hat er gesagt, ,ich komme bestimmt wieder; nur wenn man mein Pferd und meine Pelzmütze bringt, wirst du wissen, daß ich tot bin und nie mehr zurückkehre.'”
So erzählte man sich’s an allen Türen. Ein Jahr war bereits vergangen, seit sich Wassiltscho auf seinen Rappen geschwungen hatte und Boschuras Augen entschwunden war. Ein Jahr und wie viel war inzwischen geschehen! Ganaila hatte geheiratet, aber Hadschi Walkos Haus wurde auch vom Unglück getroffen: Er starb, gerade als der Brunnen in seinem Hof fertig war. Boschura ging wie früher im Dorf umher, nur trug sie jetzt ein Kind an der Brust. Sie bemühte sich nicht, ihren Fehltritt, ihre Schande zu verbergen, und glaubte fest, daß Wassiltscho zurückkehren werde.
“Ach, du Dumme, du Dumme!” riefen die Frauen. “Glaubst du denn wirklich, daß dieser Trunkenbold Wort halten wird? Am Sankt-Nimmerleins-Tag kehrt der wieder!”
“Er kommt, ganz gewiß kommt er!” erwiderte Boschura geduldig. “Sie sagen, er sei schlecht”, murmelte sie, und ihre Augen sprühten. “Ein Trunkenbold – meinetwegen. So will ich ihn! Mag er trinken, mag er es noch so toll treiben, so will ich ihn! Mag er mich schlagen und mit Füßen treten – o Wassiltscho, Wassiltscho!”
Bisweilen dachte sie an Ganaila, und wenn sie an ihrem Hause vorbeikam, lugte sie durch die offene Pforte. Wie große dunkle Kugeln standen da die Buchsbäume, die Weinlaube beschattete den Hof, in dessen Mitte der neue Brunnen weiß schimmerte.
Einmal sah die Zigeunerin dort den alten Popen Mindo, der seine Brille mit beiden Händen vor die Augen hielt und die Inschrift entzifferte: “Hadschi Waiko, Penius’ Sohn, erbaute diesen Brunnen…”
Dann trank der Geistliche aus der kupfernen Schale und wischte sich den Mund. Er blickte Boschura nicht gerade freundlich an, rief ihr jedoch zu:
“Trink, Tochter, trink auch du und sage: Gott habe Hadschi Waiko selig.”
Ob zum Guten oder zum Schlechten, wenn es bei jemandem anfängt, hört es nicht wieder auf. Kaum drei Monate waren seit Hadschi Walkos Tod verflossen, da starb auch Radul, Ganailas Mann. Nun war sie Witwe und strich in ihreh Hof wie ein Schatten umher, noch weißer als sonst unter dem schwarzen Kopftuch. Boschura bedauerte sie nicht; denn ihr eigenes Leid ließ in ihrem Herzen keinen Raum für fremden Schmerz. Sie lauschte nur dem Gerede im Dorf. Es gingen Gerüchte um, die sie marterten und verwirrten, sie hin und her rissen wie der Sturm einen Obstbaum. Einmal hörte sie, Wassiltscho käme zurück, das sei ganz sicher, aber er werde Ganaila zur Frau nehmen. Und Boschura fühlte in der Tiefe ihres Herzens, daß es wohl möglich wäre.
Sie war drauf und dran, zu Ganaila zu laufen, sich auf sie zu stürzen, ihr das Gesicht zu zerkratzen, ihr die Haare auszureißen, ja sie zu erwürgen. Aber dann überkam sie Verzweiflung, sie wurde kleinmütig, ihre Kräfte versagten. Den Kopf in den Händen vergraben, begann sie lautlos zu weinen, und die Tränen flössen ihr über das verhärmte Gesicht. ,Was kann schon Ganaila dafür?’ dachte sie. ,Ganaila ist reich, ist eine Herrin, ich aber bin nur eine Zigeunerin! Mag Wassiltscho sie zur Frau nehmen, die beiden passen ja zueinander… Ich will sie von Zeit zu Zeit besuchen, Ganailas weiße Hand, ihr blondes Haar streicheln, mich auf die Steinfliesen werfen und ihr die Füße küssen. Wenn sie mich nur einläßt und mir die Tür nicht verschließt…
In der folgenden Nacht fand Boschura keinen Schlaf. Ihr war immer wieder, als sprenge ein Reiter vorüber, als klirrten Hufeisen. Am Morgen nahm sie ihr Kind und ging fort, schlich sich wie ein Schatten davon und wußte selbst nicht, wohin die Füße sie trugen. Auf einmal gellte lautes Klagen durch das Dorf, das Klagen einer Frau. Boschura erschauerte. Das Jammergeschrei kam aus Wassiltschos Haus, und seine Mutter war es, die weinte. Boschura taumelte, ihr zitterten die Knie. Sie schleppte sich mit Mühe nach Hause und kauerte sich am Zaun nieder. Draußen gingen Leute vorbei, aber sie verstand nicht, was sie redeten. Später hörte sie wie im Traum die Baßstimme des Popen Mindo.
“Gottes Fügung, Peno, Gottes Fügung”, sprach der Pope zu dem Kirchendiener. “Was ist schon der Mensch? Eine Maschine. Etwas bricht entzwei, und sie ist hin. Hadschi Waiko, sein Schwiegersohn Radul – sie sind beide nicht mehr. Und jetzt Wassiltscho! Was für tolle Feste waren das, was für Pferde…! Und auf einmal ist alles zu Ende! Sein Pferd und seine Mütze wurden gebracht. Erschlagen hat man ihn im Walde. Gottes Fügung, Peno, Gottes Fügung…”
Boschura vernahm, was sie bereits wußte. Sie hätte nicht sagen können, wie lange sie schon hier saß. Nun stand sie auf und verließ auf dem kürzesten Wege das Dorf. Es war Vorfrühling, die Felder grünten, die Berge schimmerten rot im Sonnenuntergang. Boschura ging am Friedhof vorbei. Auf den Gräbern flackerten Wachslichter. Da erblickte sie Ganaila; die weinte nicht, regte sich nicht, glich einem schwarzen Kreuz inmitten der anderen Kreuze. Boschura empfand weder Schadenfreude noch Mitgefühl. Ihr eigenes Leid versank, wurde dumpf.
Sie schritt weiter, den Acker hinunter, als führe sie einer, dem sie gehorsam folgen müsse. Einige Bauern – sie erinnerten sich später daran – sahen sie, das Kind auf dem Rücken, mitten im Felde bei dem großen, einsam ragenden Felsen stehen. Dann wandte sie sich dem gewundenen Pfad zu, der zum Fluß hinabführte. Später, als die Wälder dunkel wurden und die Dämmerung sich in die Täler senkte, wollen andere sie am Weiher gesehen haben. Da kauerte sie regungslos, die Knie mit den Händen umspannt, den Blick auf die kühlen, schwarzen Fluten gerichtet. Es wurde Nacht, niemand kam mehr vorbei. Niemand hat sie mehr gesehen.
Boschura stand auf dem Felsblock. Ihr Kopf war leer, vor ihren Augen war Finsternis, sie sah das Wasser nicht, hörte das Plätschern nicht. Plötzlich wimmerte das Kind hinter ihr. Sie zuckte zusammen. Das Weh, das ihr schwer wie ein Stein in der Brust lag, brach sich Bahn, aus ihren Augen stürzten unaufhaltsame Tränen. Zum erstenmal an diesem schrecklichen Tag weinte sie. Da wurde ihr leichter. Die Finsternis erhellte sich, still und glasklar lag das Wasser vor ihr. Abgrundtief spiegelten sich darin ein blauer Himmel und weiße Wolken.
Aus dem lichten Weiher tauchte ihr Gesicht auf daneben ein anderes – Wassiltschos Gesicht! Er ist jung er ist schön, er sieht sie an und lächelt. Ruhig und glücklich schauen Boschuras Augen in dieses Antlitz, und lächelnd neigt sie sich tiefer, immer tiefer…
Niemand hat sie mehr gesehen.

Yordan Yovkov-3

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