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Indsche:Eine Geschichte von Bulgarien Schriftsteller Yordan Yovkov auf Deutsch

Yordan Yovkov-3

Indsche:Eine Geschichte von Bulgarien Schriftsteller Yordan Yovkov auf Deutsch

…Zu jener Zeit wimmelte es von Räubern,
die sich Kardschali und Daali nannten.
Sie steckten viele Dörfer in Brand
und kamen in der Pastnachtswoche auch in unser Dorf,
um Menschen zu tahen und um zu plündern,
und sie äscherten alles ein.
Aus den Aufzeichnungen des Priesters Iowtscho

Wie ein trüber Strom ergossen sich die Horden der Kardschali von den Bakadschikhügeln in die Ebene. An ihrer Spitze ritt Indsche mit seiner Schar; ihnen nach, auf feurigen Hengsten und raubgierig wie Wölfe, drängte mit wildem Geschrei ein buntes Völkergemisch – die Männer des Siwri, des Ederhanoglu, des Deli-Kadir und der übrigen Rottenführer.
Selten hat man eine so furchterregende Menge gesehen: Türken aus Anatolien, Kurden, Bergbewohner und heimatloses Gesindel aus allen Ecken und Enden, häßlich und grausig anzuschauen, manche in Lumpen, durch die der nackte Leib schimmerte, andere in kostbaren Gewändern, die von Goldstickerei und Seidenschnüren strotzten. Schwert und Pistolen steckten im Gurt eines jeden, einige aber trugen Waffen, die weniger zum Krieg als zu Mord und Metzelei taugten: altertümliche Hellebarden, deren Klingen so breit wie Hackbeile waren. Eisenhaken, Keulen, kurze und lange Äxte.
Die Horden wälzten sich hinunter ins Flachland und wirbelten dabei so dichte Staubwolken auf, daß man denken konnte, ein Gewitter stehe am Himmel. Aber das Wetter war schön, der Frühling hatte soeben seinen Einzug gehalten; am nördlichen Horizont lag sonnenbeschienen und friedlich die blaue Kette des Balkans. Hätte jemand in diese Richtung geschaut, so wäre ihm nicht entgangen, daß hier und dort Feuer loderten, daß über den Wäldern dünne Rauchfahnen aufstiegen und wieder verschwanden. Mit diesen Zeichen mahnten die speerbewaffneten Wächter der Gebirgspässe die Bauern zur Flucht vor den Kardschali.
Noch aber hatte Indsche den Befehl zum Überfall nicht gegeben. Schweigend ritt er seiner Schar ein wenig voran. Es war, als gehe ihm erst jetzt ein Licht auf, als begreife er erst jetzt, wie elend dieses Land war, durch das er zog. Wüst und öde lag es da – keine Viehherden, kein Glockengeläut. Die Äcker hatte, Gott weiß wie lange, kein Pflug gefurcht, sie erstickten in Brombeergestrüpp und Unkraut, die Wege waren über und über mit Gras bewachsen, man hörte nicht einmal die Stimme eines Singvogels.
Indsche, der auf seinem wohlgenährten Schimmel saß, ließ den Kopf sinken und verlor sich in Gedanken. Gegen Abend erscholl hinter ihm lautes Geschrei. Er wandte sich um, sah seine Männer hastig vorwärts drängen, sah ihre flammenden Augen und grimmigen Mienen, spähte nach vorn, und alles wurde ihm klar: Vor ihnen, nicht weit entfernt, lag ein großes Dorf. Indsche wußte, daß es Urum-Jenikjöi hieß. Im Gegensatz zu den Ortschaften; durch die sie bisher gezogen waren, gab es hier stattliche weiße Häuser und viele Gärten; edel wölbte sich die Kuppel der Kirche, und ihr Kreuz funkelte. Das Dorf befand sich in Schußweite, doch niemand schien dort die Kardschali bemerkt zu haben.
Indsche gebot Halt, ritt ein paar Schritte vor und schaute lange hinüber. Immer tiefer wurde die Falte auf seiner Stirn; darum glaubten die Männer, er überlege, wie und von welcher Seite er in das Dorf eindringen wolle, und nur mit Mühe bändigten sie ihre sich bäumenden Pferde. Aber da kam Indsche zurück und hieß sie die Zugtiere ausspannen und die Zelte aufschlagen, denn hier sollten sie nächtigen. Die Kardschali verstummten, kaßen ab und vergaßen sogar, die Gurtriemen der Pferde lockern. Sie warteten, bis Indsches Zelt etwas abseits auf einem Hügel bereitstand; als er sich zur Ruhe begab und die Plane heruntergelassen wurde, scharten sie sich zusammen und begannen, miteinander zu sprechen. Am lautesten redete einer, der in der Mitte stand, die anderen hörten zu und blickten von Zeit zu Zeit auf das Zelt ihres Anführers. Um ihn ging es, er mißfiel ihnen, war nicht mehr so, wie sie ihn von früher her kannten, war schweigsam und jähzornig.
Als Indsche im Frühjahr von einer schweren Brustwunde genesen war, hatten die Ausrufer in den Dörfern beiderseits der Bakadschikhügel in seinem Namen verkündet: Jeder, der sich auf sein Pferd und sein Schwert verlassen könne, möge zu ihm kommen. Daraufhin waren die Kardschali aus allen Richtungen herbeigeeilt, so daß innerhalb weniger Tage auf der Lichtung bei den Sieben Brunnen, wo Indsche sein Zelt aufgeschlagen hatte, ein großes Lager entstand. Jeder Neue hatte zunächst nach Indsche gefragt, ihn gleich sehen wollen. Aber sein Zelt wurde von den Männern Kara-Koljus bewacht, die niemanden einließen. Kein Mensch wußte, was Indsche dachte, was er plante.
Von diesem und anderem sprachen die Männer, die in der Dämmerung beisammenstanden. Es wurde Abend. Große Lagerfeuer loderten auf. Die Kardschali gingen hin und her und bemühten sich, keinen Lärm zu machen, damit man sie im Dorf nicht bemerkte. Den Blicken der Bauern verbarg sie der Wald. Im Schein der Flammen waren die vorüberhuschenden Schatten übernatürlich groß. Hier klirrte eine Waffe, dort wieherte ein Roß. Tief über das Lager senkte sich der Nachthimmel, und die Sterne erzitterten leise, wie erschrocken.

* * *

In seinem Zelt streckte sich Indsche wie immer in letzter Zeit auf seine mit Schaffellen gepolsterte Liegestatt und versank in Sinnen.
Seine Gedanken gingen sechzehn Jahre zurück. Er erinnerte sich des Tages, da er Kara-Fejis vor Scheruna traf. Damals hatten die Kardschali das Dorf mit Schießtürmen befestigt vorgefunden und dem Gewehrfeuer der Verteidiger weichen müssen. Vom Feld aus schaute Kara-Fejis erzürnt und finster zu den schmucken Bauernhäusern hinüber, die sicherlich allerlei Kostbarkeiten bargen, und er fragte sich, was er tun sollte. Das Dorf stürmen konnte er nicht; es ungeschoren zu lassen, fiel ihm schwer.
In diesem Augenblick traf Indsche ein. Er führte dreihundert Männer mit sich, alle auf feurigen Rossen. Indsche war jung. Er sah Kara-Fejis an, warf einen Blick auf das Dorf, lachte, und ohne viel zu überlegen, jagte er mit seiner Schar pfeilschnell auf den ersten besten Schießturm zu. Die schweren Büchsen donnerten, die Schießscharten spien Pulverrauch. Die Kardschali preschten vor und feuerten unter lautem Geschrei ihre Pistolen ab. Dreimal ritt Indsche gegen die Türme an. Der Boden erdröhnte unter den Hufen, Staubwolken wirbelten auf. Endlich kehrte Indsche zu Kara-Pejis zurück, erschöpft, doch mit leuchtenden Augen. Er lachte auf und spähte wieder nach dem Dorf. Der tollkühne Sturm war erfolglos geblieben. Unter dem Staub, der wie Nebel aufstieg, wurden die Leichen der gefallenen Kardschali sichtbar, herrenlose Pferde rannten wie rasend im Kreise – aber die Gewehre waren verstummt, das Dorf lag wie erstarrt.
“Ja, so ist’s recht!” rief Indsche. “Soll der Apfel fallen, so muß man den Ast schütteln!”
Am Abend brachten die Räuber einen Müller, den sie bei Postols Mühlen abgefangen hatten. Als Indsche sah, wie der Erschrockene sich auf die Knie warf, herankroch und ihm den Rockschoß küßte, wurde ihm klar, daß er denjenigen gefunden hatte, den er brauchte. Noch in derselben Nacht schlichen fünfzig ausgewählte, von dem Müller geführte Kardschali zu den Schießtürmen, und es gelang ihnen, die Wachen zu täuschen und sie zu töten. Durch eine Bresche in der Schießturmmauer drangen Indsche und Kara-Fejis mit ihren Männern in Scheruna ein. Im Osten rötete sich der Morgenhimmel über den schwarzen Wäldern; auf den gepflasterten Dorfstraßen klirrten die Hufeisen der schnaubenden Pferde des Trupps. Wer vermag denn einem berittenen Kardschali, der drohend den Dolch schwingt, die Stirn zu bieten?
Die überraschten Verteidiger in den Türmen feuerten ein letztes Mal und ließen dann ratlos die Arme sinken: Sollten sie fliehen oder nach Hause eilen, zu ihren Frauen und Kindern? Doch da fielen schon die Kardschali über sie her wie Wölfe über eine Schafherde. Sie stachen jeden nieder, den sie erreichen konnten. Es tagte bereits, als auch die Schüsse der Männer verstummten, denen es gelungen war, sich auf die Hügel zu retten. Im Licht der Morgensonne zeigten sich die schönen, von hohen Mauern umgebenen Häuser mit den großen Toren – eine herrliche Beute für die Sieger! Die Kardschali sprangen von den Pferden und begannen zu plündern. Frauenstimmen schrillten auf, Kinder weinten. Jammern und Wehklagen stieg zum Himmel. Bald brannten die ersten Häuser, schwarzer Qualm erhob sich und verschleierte die Sonne.
Indsche läßt die Beute den anderen – er braucht nichts. Mitten im Dorf, in Bontschos Gaststätte, schmaust und zecht er – alle Fässer sind angezapft, und der Wein fließt in Strömen. So will es Indsche. Schreckensbleiche junge Frauen bedienen ihn, Mädchen schenken ihm mit zitternden Händen ein. Und ringsum lodern Brände, schreien Frauen und Kinder. Blut färbt die hohen Mauern und die festen Tore. Indsche wird immer heiterer. Es ist schwer, ihn zufriedenzustellen. Plötzlich blickt er auf seine Kleider – blutbefleckt sind sie und zerrissen. Koste es, was es wolle, ein Schneider muß her, der ihm ein neues Gewand anfertigt! Indsches Wunsch ist Gesetz, der Meister wird gefunden und herbeigeführt. Mit zitternden Händen entfaltet er rotes Tuch, nimmt Maß, schneidet zu.
“Sag mir, Meister, sag mir, Gotscho”, spricht Indsche zu ihm, “in welchem Teil des Dorfes wohnst du? Zeig mir dein Haus, damit ich es verschone.”
“Im oberen Viertel wohne ich, Herr. Mein Haus steht auf dem Hügel.”
Indsche schaut umher und will sich ausschütten vor Lachen: Wo soll er denn hier noch etwas verschonen – das ganze Dorf steht ja in Flammen!
Aber sieh da – unten auf der Straße, im schauerlichen Schatten der Rauchschwaden erscheint eine Frau! Nur wenige Einwohner sind im Dorf geblieben; woher mag sie wohl sein? Von allen Seiten laufen die Kardschali herbei, sie kreischt auf, bemerkt Indsche und rennt mit ausgebreiteten Armen dem Gasthaus zu. Indsche reckt sich, runzelt die Stirn und hebt die Hand. Wie angewurzelt bleiben die Männer stehen. Indsche denkt nicht daran, zu dem Mädchen zu gehen, er blickt nur hin – da sieht er ihr Gesicht und tritt sogleich hinaus. Schön ist sie, groß und schlank. Indsche hat schon viele schöne Frauen gesehen. Warum ist diese hier, die soeben um Haaresbreite dem Tode entging, so ruhig und gelassen? Warum schauen ihn ihre braunen Augen so fröhlich und zugleich traumverloren an? Ihre Mutter, ihr Vater, alle ihre Angehörigen sind vielleicht erschlagen worden, doch in ihren Augen ist weder Furcht noch Haß zu lesen. Darüber wundert sich Indsche. Er vergißt den Meister und die Gewänder, nimmt das Mädchen bei der Hand und führt es dorthin, wo seine Schar und sein Pferd rasten.
So wurde Pauna die Seine. Viele Menschen waren durch sein Schwert ums Leben gekommen, viele Frauen hatten seine launische Leidenschaft erfahren. Er entsann sich weder ihrer Gesichter noch ihrer Namen, und er glaubte, so werde es ihm auch mit Pauna gehen. Aber das Lächeln dieses Mädchens, der Blick ihrer Augen prägten sich tief in seine Seele ein. Sie wurde nach Gesetz und Brauch seine Frau, ritt und ging neben ihm her, folgte ihm überallhin. Wenn Indsche sie an seiner Seite wußte, wuchs sein Selbstvertrauen, und ihm schien, daß sein Arm erstarkt sei.
Jung und tollkühn war Indsche damals, er fürchtete weder Tod noch Teufel. Zwischen Gut und Böse machte er keinen Unterschied, er fragte sich nie, was Sünde sei und was nicht. Hinter den Hufspuren seines Schimmels blieben nur Gräber, Schutt und Asche zurück. Sein Name flößte Furcht und Grauen ein. Er wähnte, seine Macht sei unermeßlich, sein Wille Gesetz für alle. Bald schonte er nicht einmal mehr seine eigenen Leute. Er dürstete nach Gold, nahm von jeder Beute den Löwenanteil, war unerbittlich, jähzornig und duldete keinen Widerspruch. Wer aufzubegehren wagte, fiel seinem Dolch oder seiner Kugel zum Opfer. Ja, es kam so weit, daß er seine nächsten Freunde von sich stieß. Einmal erhob er sogar die Hand gegen Sjaro, den Pulvermacher, den Mann, der ihn oft vor dem Tode bewahrt hatte und als der erste nach ihm galt. Dem schlug er das Gesicht mit der Peitsche blutig.
Dann aber geschah das Schlimmste.
Es war an einem Frühlingstag in diesem nämlichen Dorfe Urum-Jenikjöi. Die Horde rüstete zum Aufbruch. Es war kein guter Tag: Welk sahen die Felder aus, auf den Bergen dampften dichte Nebelschwaden, Schwärme schwarzer Raben flogen mit unheimlichem Krächzen auf und verdunkelten die Luft. Indsche und seine Gesellen saßen schon zu Pferde. Mehrmals hatten die Hörner gegellt, die Pauken hatten gedröhnt und waren wieder verstummt. Indsche wartete auf Pauna, doch sie säumte noch. Da brauste er auf – es ist wahr, er hatte viel Schnaps getrunken – und lenkte seinen Schimmel zu dem Haus, in dem sie sich befand. Er ritt langsam, aber er war so blindwütig, daß ihm schwarz vor den Augen wurde. Pauna hatte bereits ihr Pferd bestiegen und ließ sich soeben ihr in Windeln gewickeltes Kind reichen. Da streckte Indsche den Arm aus und ergriff den Säugling.
“Ein Heiduck ernährt kein Kind!” brüllte er in rasender Wut, schleuderte den kleinen Körper in die Höhe und schlug mit dem Dolch nach ihm.
Niemand sah, was weiter mit dem Kind geschah. Indsche ergriff die Zügel von Paunas Pferd und zerrte die Weinende mit sich fort. Die ganze Horde stob spornstreichs von dannen. Pauken und Trompeten dröhnten, und man hörte nicht, was Pauna in ihrem Jammer rief, man sah nur, daß ihr die Tränen über das bleiche Gesicht rannen.
Sie blieb noch eine Zeitlang bei Indsche, schweigsam und stumm wie ein Schatten. Eines Tages aber verschwand sie, und sosehr er auch nach ihr suchte, es glückte ihm nicht, sie zu finden. Er wußte nur, daß sie eine Verwandte Sjaros, des Pulvermachers, war, der ihn längst verlassen hatte und im Gebirge umherstreifte. Der ohnmächtige Zorn, der Indsches Verstand trübte, machte ihn furchtbar. Schon früher hatte er keine Gnade walten lassen; seit aber Paunas Blick nicht mehr auf ihm ruhte, war sein Herz versteinert. Hätte man die Gebeine der von ihm Erschlagenen gesammelt, so wäre daraus ein Berg entstanden, ihr Blut wäre in einem breiten Strom dahingeflossen. In diesem grausigen Mordrausch schien Indsche jede Besinnung verloren zu haben. So vergingen mehr als sechzehn Jahre – Indsches Arm wurde des Tötens nicht müde… nichts, wollte sich an nichts erinnern.
Nur ein Vorfall aus der letzten Zeit hatte sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingeprägt: Wie schon so oft war ein ganzes Dorf durch Feuer und Schwert verheert worden. In den Gassen lagen Leichen, floß dampfendes Blut. Da erhob sich ein Pope aus einem Knäuel von Menschenleibern, von toten Männern, Frauen und Kindern. Sein Gesicht war blutig, in der entblößten Brust klaffte eine tiefe Wunde. Die Augen brannten wie Kohlen, er blickte wild um sich wie ein vom Tode Auferstandener, reckte den Arm, deutete auf Indsche und rief:
“Verflucht seiest du! Verflucht vor Gott und allen Heiligen! Nie sollst du verwesen und zu Asche werden! Stein und Erz mögen verwesen, du aber nicht! Seufzen und zittern sollst du auf Erden wie Kain! Der Aussatz des Gehasi und der Galgen Judas’ sollen dein Erbteil werden! Anathema, Anathema, Verdammnis über dich!”
Eine Säbelklinge durchschnitt ihm die Kehle und ließ ihn für immer verstummen. Doch ständig hatte Indsche das blutüberströmte Antlitz vor Augen, brannte ihm der Blick des Erschlagenen auf der Seele, durchführen ihn jene Worte wie Schwerter, gellte ihm jener Fluch in den Ohren.
Am Tage nach diesem Vorfall war Indsche mit seiner Schar einen steilen Bergpfad hinabgeritten. Zum erstenmal hielt er den Kopf gesenkt, er war nachdenklich geworden. Plötzlich fiel auf der gegenüberliegenden Anhöhe ein Schuß. Indsche taumelte, sank vom Pferd. Die Kardschali sprengten vorwärts, doch zwischen ihnen und dem Mann, der geschossen hatte, lag eine tiefe Klamm, die ihnen Halt gebot. Jenseits der Schlucht erblickten sie eine kleine Schar und erkannten Sjaro, den Pulvermacher, aber es gelang ihnen nicht, ihn zu fangen.
Das alles ging Indsche durch den Kopf, während er auf seinem Lager ruhte. Er hatte gehofft, nach dem Verheilen seiner Brustwunde diese Gedanken loszuwerden. Weder an Pauna noch an das Kind – an gar nichts wollte er sich erinnern. Sein Herz sollte sich verschließen, sein Arm erstarken! Aber vergebens – die quälenden Bilder ließen sich nicht verjagen. Und draußen warteten die Kardschali, daß er sie führe.

* * *

Am nächsten Morgen gingen auf sein Geheiß Ausrufer durch das Lager und verkündeten:
“Vernehmt Indsches Willen! Für jeden, der ihm folgt, ist sein Wort Befehl! Er duldet keinen Ungehorsam. Wem sein Kopf lieb ist, der beherzige das!”
Die Kardschali sahen einander an, zupften an ihren langen Schnurrbärten und überlegten, was das wohl bedeuten sollte. Einer von ihnen machte eine abwehrende Handbewegung und sagte: “Indsche weiß, was er tut. Es sei denn!” Alle verstanden, was er meinte – wenn ihr Anführer blinden Gehorsam und vollständige Unterwerfung verlangte, so nur deshalb, weil der Schlag, den er plante, überaus furchtbar sein würde. Nun, um so besser! Dann gab es Gemetzel und Beute! Und obgleich sie kurz zuvor an Meuterei gedacht hatten, vertrauten sie jetzt wieder alle auf Indsche, sie freuten sich, und eine wilde Ausgelassenheit wogte über dem Lager.
In diesem Augenblick tritt Indsche aus seinem Zelt. Wie Wellen, die dem Strande zueilen, strömen von allen Seiten die Kardschali herbei. Schon ist er von ihnen umringt. Leicht und behende ist sein Schritt – sie kennen diesen Räubergang – und rasch wirft er einen Blick in die Runde. Schön ist Indsche. Er trägt einen blauen, mit Goldstickerei übersäten Janitscharenrock, weite rote Pluderhosen und auf dem Kopf statt des Turbans eine hohe, schräggerückte Zobelmütze mit einem Büschel Pfauenfedern.
Die Hand auf dem krummen Säbel, so schreitet Indsche durch die schmale Gasse zwischen den beiden Menschen-Mauern. Sein heldenhaftes Aussehen, seine schmucke Gestalt entflammen die Kardschali. Alle denken: Jetzt wird er sich in den Sattel schwingen und uns zum Sturm führen! Diejenigen, die vorn stehen, beugen die turbanumwickelten Köpfe und verneigen sich tief, die anderen, dicht aneinandergepreßt, umklammern die Griffe ihrer Schwerter und brüllen: “Hoch!” Hier und dort fallen Schüsse.
Indsches Pferd wird herangeführt, er besteigt es. Ohne Kommando – bei den Kardschali gibt es keine Kommandos – sitzen die Männer auf. Indsches Schimmel zuckt zusammen, sein Schweif wallt bis zum Boden. Da hebt Indsche den Arm, und alle verstummen. Sie erwarten, er werde auf Urum-Jenikjöi weisen. Aber Indsche deutet in die entgegengesetzte Richtung und gebietet, ihm zu folgen. Wie vom Donner gerührt, stehen die Kardschali. Sie starren Indsche an, trauen den eigenen Augen nicht. Furchtbar ist Indsches Gesicht, eine tiefe, steile Falte furcht seine Stirn.
Seiner selbst sicher, bricht Indsche unverzüglich auf. Ihm nach schwankt der Speerwald seiner Horde. Die Kardschali bleiben zurück. Einen Augenblick lang schweigen sie und sehen einander an. Dann erhebt sich ein wildes Stimmengewirr, wie Schakalengeheul. Die Männer scharen sich um Hauptmann Siwri, beschwören ihn, sie nach Urum-Jenikjöi zu führen. Dieser Siwri ist ein großer, stattlicher Anatolier, einer Eiche gleich, überragt er sie alle. Er zieht finster die Brauen zusammen und überlegt. Zwar weiß er nicht, was in Indsches Seele vorgeht, aber er will mit dem Führer nicht übereilt brechen; deshalb entscheidet er: “Wir folgen Indsche!” Auf sein Zeichen hin erschallen Pauken und Trompeten, ihr ohrenbetäubender Lärm übertönt das Murren der Kardschali; die Horde setzt sich in Bewegung. Bald verklingt das Hufgetrappel, nur die in der Ferne verhallenden Paukenschläge und der aufgewirbelte Staub verraten, daß die Kardschali auf demselben Weg davon reiten, auf dem sie gekommen sind.

* * *

Die Lichtung im Walde war wieder leer. Auf einmal sprang ein zwergenhaftes Geschöpf aus den Büschen, weder Mann noch Kind – ein Buckliger. Der Kopf saß ihm tief zwischen den Schultern, die Arme hingen lang herab wie die eines Affen. Mit scheuen, schleichenden Schritten huschte er bis in die Mitte der Lichtung, dort machte er halt und lauschte: Die Kardschali waren schon weit fort. Da wurde das Kerlchen mutiger; es begann zu suchen, bückte sich, nahm hier und dort etwas vom Boden auf, betrachtete es und warf es wieder weg oder steckte es in einen Beutel. Plötzlich fiel sein Blick auf etwas Großes – lag da nicht ein Gewehr? Eine Weile stand der Bucklige wie erstarrt, dann ergriff er die Waffe, klemmte sie unter den Arm und lief in den Wald zurück.

* * *

Die Bauern von Urum-Jenikjöi hatten die Kardschali zunächst nicht bemerkt, waren aber in der Nacht ihrer gewahr geworden und in den Wald geflohen. Später, als die Paßwächter meldeten, die Räuber seien abgezogen, wollte niemand es glauben. Vorsichtig schlichen als erste die Männer zurück. Bald zeigten sich im Dorf die begüterten Großbauern auf ihren Mauleseln. Bewaffnete Feldhüter kamen und gingen. Paßwächter ritten hin und her, einige mit Büchsen oder Hellebarden bewaffnet, die meisten mit langen eisernen Spießen. Ihr Anführer trug eine hohe Pelzmütze mit herabhängendem Fuchsschwanz. Seine Leute murrten und bemühten sich, dennoch wie Helden auszusehen; insgeheim hatten sie bereits beschlossen, die Flucht zu ergreifen, sobald sie der Kardschali ansichtig würden. Erst nachdem sich die Pferde der Wächter müde, gelaufen hatten, glaubten die mißtrauischen Großbauern, daß die Kardschali tatsächlich fort waren, und ließen die Frauen und Kinder zurückkehren, so daß es in den Straßen auf einmal von Menschen, Vieh und Wagen wimmelte.
Plötzlich fiel im Flußtal ein Schuß, und da es windstill war, hallte er in der glasklaren Luft unheimlich und langgezogen wider. Bevor die Leute wußten, wie ihnen geschah, folgte ein zweiter Schuß aus derselben Richtung. Die Frauen schrien auf und wollten abermals flüchten. Mit großer Mühe gelang es den mutigeren Männern, sie zu beschwichtigen und zurückzuhalten. “Fürchtet euch doch nicht”, riefen sie. “Es ist ja nichts! Die Horden sind fort, das sind nur Jäger!” Zwar ließen sich die Frauen überreden, doch niemand wagte, die Häuser zu betreten; die Wagen blieben beladen, das Vieh lief frei herum. Und während die Frauen in Gruppen vor den Türen standen und miteinander sprachen, zogen die Männer auf Wachposten an den Dorfrand. Gegen Abend näherte sich eine Schweineherde. Die Bauern wurden fröhlich. Sie wunderten sich, daß der Hirt die Tiere wie immer zur Weide getrieben und gar nicht bemerkt hatte, daß alle Einwohner geflohen waren.
“Wartet!” rief einer. “Der Bucklige wird es uns wohl erklären können. Er muß die Kardschali doch gesehen haben.”
Die Leute gingen dem Hirten entgegen und umringten ihn. Es war der zwergenhafte Junge, der am Morgen die Büchse im Walde gefunden hatte. Er berichtete, was man bereits wußte: Die Kardschali wären abgezogen.
“Aber warum denn nur?”
“Woher soll ich das wissen? Ich war weitab von ihnen. Sie stritten miteinander, schrien…”
“Und was war das für ein Schuß?” fragte jemand. “Wer hat da unten am Fluß geschossen?”
Der Bucklige antwortete nicht, aber seine Augen leuchteten auf; er sah die Bauern hochmütig an, freute sich schon darauf, wie sie staunen würden, zog die Büchse unter der Joppe hervor und zeigte sie.
“Wer geschossen hat, he? Ich habe geschossen, schaut her, mein ist sie!”
In den Händen hielt er eine Büchse, deren Lauf kurz war, wie zur Hälfte abgeschnitten – ein altes, verrostetes Ding, aber noch gut erhalten.
“Ja, Naiden, wo hast du denn die her?”
“Zeig mal! Willst du sie verkaufen?”
“Die hast du bestimmt nicht gefunden. Gestohlen hast du sie!”
Der Bucklige antwortete nicht. Er hielt die Büchse fest, war bereit, zu kratzen und zu beißen, falls jemand sie ihm entreißen wollte. Endlich sah er ein, daß die Leute nichts dergleichen im Sinn hatten; er barg die Waffe wieder unter seiner Joppe, grinste und sagte:
“Diese Büchse hab’ ich tatsächlich nicht gefunden… Einen Kardschali hab’ ich getötet… und sie ihm weggenommen.”
Die Bauern lachten. Wenn viele Menschen zusammen sind, schlägt die Stimmung gewöhnlich rasch um, und so begannen sie jetzt zu scherzen. Einige taten, als wollten sie dem Buckligen die Beute entwinden. Die Frauen, denen klar wurde, daß sie nur seinetwegen so viel Angst ausgestanden hatten, schalten und verwünschten ihn. Kleine Jungen schlüpften zwischen den Erwachsenen durch und zupften ihn am Buckel. Der Krüppel ärgerte sich, wurde böse. Er gab gut acht auf seine Büchse, preßte sie mit dem Arm an den Leib, und sobald es ihm gelang, loszukommen, stürzte er in wilder Hast davon, obwohl ihn niemand verfolgte.
Die Leute lachten.
“Ein Krüppel, aber so bissig!”
“Gott hat ihn gezeichnet, und von einem Gezeichneten muß man sich fernhalten!”
“Ob er wohl mit dem Buckel geboren ist?”
“Gott töte ihn! Er ist nicht so geboren; als kleines Kind soll er gefallen sein. Ist mit dem Leben davongekommen, aber bucklig geworden.”
“He, Stanka, sag mal, ist er der Sohn der Kalmückin oder ihr Enkel?”
“Wer kennt sich schon bei dieser alten Schwindlerin aus? Einmal behauptet sie dies, ein andermal das. Manchen hat sie erzählt, sie habe ihn während der Unruhen gefunden, vor etwa fünfzehn Jahren, als die Leute so wie jetzt vor den Kardschali flohen – mögen sie auf den Feldern krepieren, diese Bluthunde! Sie habe ihn gefunden und deshalb so genannt: Naiden – Findling.”
Der Bucklige lief inzwischen nach Hause. Großmutter Jana saß draußen vor der Tür. Sie hatte weder gehört noch verstanden, daß die anderen geflüchtet waren.
“Gib mir Brot!” rief der Krüppel laut, wie man mit einem Tauben spricht.
“Brot willst du?” erwiderte die Alte gelassen und leise.
“Ich hab’ keins. Ja, wenn es welches gäbe, würde auch ich essen! Brot fordre dir von den Großbauern, denen du das Vieh hütest!”
Der Bucklige ging murrend ins Haus. Gleich darauf kam er wieder heraus. Jetzt war er frohgemut, legte grinsend die Büchse an, zielte auf die Greisin und rief:
“Ich töte dich!”
Großmutter Jana erschrak. Sie wußte, daß er spaßte; aber sie wagte nicht, ein Wort zu sagen oder sich zu bewegen, denn das konnte ihn reizen, und dann schoß er womöglich doch.
“Ich töte dich!” schrie der Bucklige und grinste.
“Bleib so sitzen, rühr dich nicht!”
Als er es satt hatte, die Alte zu ängstigen, kauerte er sich an die Wand und nagte an den trockenen Brotrinden, die er in der Küche gefunden hatte. Großmutter Jana stand auf, gähnte und reckte sich, als habe sie sein tolles Gebaren vergessen. Als sie aber an ihm vorbeikam, fiel sie unvermutet über ihn her, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn.
“Ängstigen willst du mich, he? Grindkopf, ekliger! Jetzt erwürge ich dich!”
Plötzlich stöhnte sie auf und ließ ihn los – er hatte sie gebissen. Sie betrachtete ihre verkrampfte Hand, auf der Blut und die Abdrücke seiner Zähne zu sehen waren.
“Fort mit dir!” schrie sie.
“Daß du mir nicht mehr ins Haus kommst!”
Der Bucklige lachte und schnitt ihr Fratzen. Da wurde sie still und murmelte:
“Heiduck! Wirst dem Vater nicht nachstehen…”
Diese Worte schienen in ihr die Erinnerung an längst Vergangenes zu wecken. Sie setzte sich dorthin, wo sie vorher gesessen hatte, verschränkte die Arme und hing ihren Gedanken nach.

* * *

Zum zweitenmal kam Indsche über die Bakadschikhügel in die Romanjaebene. Die große Horde, mit der er aufgebrochen war, folgte ihm nicht mehr, denn die Kardschali hatten es satt, einem Anführer zu folgen, der ihnen Raub und Plünderung verwehrte, der sie nicht tun ließ, was ihnen gefiel, sondern sie in die Kreuz und Quere, bald hierhin, bald dorthin schleppte. Ihre Pferde hungerten, magerten immer mehr ab, die Dolche in den Gurten verrosteten. So hatte sich eines Nachts Hauptmann Siwri mit seiner Schar davongemacht; bald darauf waren auch Ederhanoglu, Deli-Kadir und die übrigen Häuptlinge geflohen. Bei Indsche blieb nur Kara-Kolju mit seinem Trupp an die dreihundert Gesellen, alle auf schwarzen Rossen. Ihnen voran ritt Indsche auf seinem Araberschimmel.
Und noch immer waren die Dörfer ringsum wie ausgestorben, die Felder verödet. Nur hier und dort, in den ärmsten, halb abgebrannten Ortschaften stießen sie manchmal auf zerlumpte Bauern, ausgemergelte, durch Leid und Elend verbitterte Geschöpfe, die an Wurzeln nagten und gleichgültig, mit stumpfem Blick vor sich hin starrten. An den Friedhofshügeln weinten und klagten Frauen. Indsche schalt sich wegen seiner Nachsicht, seines Mitleids, aber er wurde das Gefühl nicht los, daß dort, in jenem furchtbaren Wald von Kreuzen, auch Pauna liege und neben ihr der Säugling, den er erdolcht hatte. Oft schüttelte er den Kopf, als wolle er einen bösen Traum verscheuchen; gleichsam entrückt, sah er sich selbst, wie er das Kind mit blutiger Hand streichelte, während Pauna ihn bleich und lächelnd anschaute.
Einmal gewahrte er Frauen, die auf dem Feld gruben. Sie hatten ihre Gesichter mit schwarzen Tüchern verhüllt; ihm schien, daß sie nicht gruben, sondern die Erde aufwühlten, um ihre Tränen und ihr Leid hineinzusenken. Indsche wollte ihnen ein gutes Wort sagen und ritt auf sie zu. Als sie aber ihn und den Speerwald hinter ihm erblickten, ließen sie die Spaten fallen und rannten davon. Zurück blieb nur ein Greis unter einem blühenden Pflaumenbaum. Er stand auf, stützte sich auf seinen Stock und wartete.
“Warum laufen die Frauen fort, Alter?” fragte Indsche barsch.
“Was weiß ich! Sie haben sich wohl erschrocken… Es sind eben Frauen!”
“Und du? Fürchtest du dicht nicht?”
“Wovor denn, Herr? Nein, ich fürchte mich nicht. Alt bin ich, wovor soll ich mich fürchten? Nur Gott fürchte ich, von ihm erwarte ich meinen Tod…”
Trotz dieser Beteuerungen zitterte der Greis und beobachtete scheu die bewaffneten Reiter, die jetzt im Tal erschienen. Einige saßen ab und führten ihre Pferde zum Fluß, um sie zu tränken, andere liefen hin und her und suchten Trinkwasser.
“He, Jungen!” rief der Alte auf türkisch und zeigte mit seinem Stock. “Dort drüben ist ein Brunnen – auf dem Hügel, bei den Pappeln. Nur immer geradeaus, dem Pfad nach… Ja, die Frauen hatten Angst”, fuhr er zu Indsche gewandt fort, und seine Stimme klang jetzt ruhiger. “Aber nimm es ihnen nicht übel, Herr! Sie schrien: ‘Räuber, Räuber!’ – ,Wieso denn Räuber’, sagte ich ihnen. ‘Seht ihr denn nicht, was für Prachtkerle das sind? Schaut euch doch die Pferde an – lauter schöne schwarze Pferde, nur eins ist weiß – dem Pascha seines.’ So haben wir nämlich die Paschas in Erinnerung – auf weißen Pferden…”
Indsche hörte nicht, was der Alte sprach, er starrte unverwandt auf die Anhöhe, hinter der die Frauen verschwunden waren.
“Dort liegt unser Dorf!” hub der Alte an. “Aus Tschukurowo sind wir. Und ich bin Gudi, Großvater Gudi aus Tschukurowo. Es geht uns nicht besonders – Not, Hunger, was haben wir nicht alles erlebt! Heute aber läßt sich das Wetter gut an, deshalb wollten wir ein wenig umgraben und ein paar Zwiebeln, ein paar Bohnen säen. Da kamen die Frauen zu mir. ,Komm’, sagten sie, ,komm mit, uns zu schützen!’ Als ob ich sie schützen könnte. Aber sie klagten: ,Wir sind allein, haben keine Männer, keine Söhne…’ Ja, ja, uns sind keine mehr geblieben, seit Kara-Fejis und Indsche unser Dorf überfallen haben…”
Indsche blickte den Greis verstohlen an und lächelte kaum merklich.
“Indsche? Hast du ihn je gesehen. Alter?”
“Wie soll ich ihn gesehen haben, mein Sohn. Wer ihn gesehen hat, ist nicht mehr am Leben.”
“Und ich? Wer bin ich? Kennst du mich?”
“Woher soll ich dich kennen, Herr? Du sprichst wie unsereiner, aber viele der Herren sprechen so wie wir. Tachir Aga, der Bezirkshauptmann von Sliwen – den kannte ich -, der sprach auch so rein. Nein, dich kenne ich nicht.”
Er richtete die traurigen Augen nachdenklich auf Indsche.
“Nein, ich kenne dich nicht. Aber höre, was ich dir sagen werde! Du bist jung und schön, ein rechter Held! Wenn wir so einen Herrn hätten! Wir würden dir dienen, dir eine Kopfsteuer zahlen! Wenn du doch unser Herr wärst! Aber so, wie es jetzt ist…”
“Wie ist es denn jetzt?”
“Jeder, der daherkommt, mordet, schlachtet, raubt, brennt. Und wir sind einfache Leute, sind wie die Schafe. Es wäre gut, wenn einer da wäre, der für uns sorgen könnte, der uns melken und scheren, aber auch vor Wölfen schützen würde…”
Indsche lachte – zum erstenmal in diesem Frühling – zog den Geldbeutel hervor, gab dem Greis eine Handvoll Goldstücke und befahl ihm, neben jeden Spaten eine Münze zu legen.
“Für die Frauen, wenn sie zurückkommen”, sagte er: “Sie sollen an Indsche denken. Und du Alter, leb wohl! Leb wohl und hab Dank für deine Worte!”
Wie eine Schlange zischte die feingeflochtene Peitsche in Indsches Hand, der Schimmel stob davon. Seine Leute zuckten zusammen; sie merkten, daß Indsche sie führte, und sprengten ihm nach. Diejenigen, die abgesessen waren, schwangen sich eilends in den Sattel. Der Boden dröhnte unter den Hufen. Der Alte stand unter dem blühenden Pflaumenbaum und schaute ihnen nach.

* * *

Wieder war Indsches Name in aller Munde. Aber jetzt war sein Ruhm größer, strahlte noch heller, denn, Indsche überfiel nicht mehr Städte und Dörfer, schlachtete und mordete nicht mehr, sondern verfolgte selbst die Kardschali, säuberte Straßen und Wege von Räubern und Heiducken. Der erste, der seinen Zorn zu spüren bekam, war Hauptmann Siwri. Da Indsche ihn noch immer als Freund betrachtete, ließ er ihm zunächst ausrichten, er solle aufhören zu rauben und fortan in Frieden seines Weges ziehen. Siwri aber lachte und jagte den Boten davon. Nun fiel Indsche, einem Habicht gleich, über die Banditen her. Siwris Leute, die ihre Pferde mit Beute überladen hatten, waren schwerfällig und unbeholfen wie Schildkröten. So wurden sie bis auf den letzten Mann niedergemäht. Dem Hauptmann aber steckte man brennende Holzscheite unter die Arme und röstete ihn bei lebendigem Leibe.
Allenthalben hingen nun an den Bäumen Heiduckenleichen, allmorgendlich lagen Köpfe ihrer Anführer vor Indsches Zelt. Und nicht nur für mord- und raublüsterne Gesellen war Indsche ein Schrecken; auch die türkischen Beamten, Verwalter, Großgrundbesitzer, alle, die Macht und Boden besaßen, zügelten ihre Willkür und schonten die christliche Bevölkerung. Wenn die Richter in den Amtsstuben an Indsche dachten, tauchten sie ihre Federn erst ein paarmal in die Tinte, überlegten hin und her und urteilten gerecht. Schutz und Schirm wurde Indsche für die Schwachen.
Zwei Jahre vergingen. Frei von Räubern waren Wälder, Fluren und Straßen. Da ließ Indsche vom Gipfel des Balkans, aus dem Dorfe Scheruna, die Tochter eines Großbauern kommen und befahl, sie solle mutterseelenallein mit neuen Krügen zu den Bakadschikhügeln gehen und ihm Wasser von den Sieben Brunnen holen. Das Mädchen war jung und schön, frisch wie ein Tautropfen; sie war in seidene, goldbestickte Gewänder gekleidet und trug am Hals sieben Schnüre mit großen und kleinen Goldmünzen. Sie ging zu Fuß durch die Wälder und über die grünen Wiesen, sie ging und kam mit Wasser von den Sieben Brunnen zurück. Sieben Tage brauchte sie, um den Auftrag auszuführen. Niemand wagte, sie zu behelligen, kein Haar wurde ihr gekrümmt, nicht das kleinste Goldstück vom Halsschmuck kam abhanden. Die Leute hatten das Mädchen bis zum Dorfende geleitet und dann allein weiterziehen lassen. “Wenn Indsche es so befohlen hat, muß es so sein… Glück auf!” Lachend brach die Schöne auf, lachend kehrte sie wieder.
Keinen Heiducken gab es auf den Straßen, keine bösen Menschen. Nun ritt Indsche zu den Bakadschikhügeln. Damals als er aufbrach, war hier ödes Brachland gewesen, jetzt aber stand goldenes Getreide auf den Äckern der Ebene. Gott hatte den Boden mit reicher Frucht gesegnet, und die Menschen arbeiteten unbeschwert. Wie ein Meer wogte das reife Korn in der leicht bewegten Luft, wie weiße Vögel schimmerten die Kopftücher der Frauen. Gesang ertönte, munterer Schnittergesang. Indsche hält sein Pferd an. Die Mädchen sind ganz nahe, aber eine Baumgruppe verbirgt sie den Blicken der Reiter. Das Lied ist deutlich zu hören. Indsche lauscht dem Gesang. Er fährt zusammen, als er hört, daß sie von ihm singen. Ja, von Indsche singen sie, dem jungen Wojewoden, von ihm, der eine dreihundertköpfige Schar führt, von ihm, den Wald und Berg weinend um Schutz vor den Heiducken bitten, von ihm, der sich der Armen und Hilflosen erbarmt…
Das Lied steigt in den klaren Himmel, seine Worte rieseln wie die Körner reifer Ähren. Indsche lauscht. Eine nie gekannte Süße durchströmt seine Brust, aus seinen Augen rinnen Tränen, tropfen auf die Mähne des Schimmels – die ersten Tränen, die Indsche in seinem Leben vergießt.

* * *

Oben auf den Bakadschikhügeln, bei den Sieben Brunnen, befindet sich Indsches Lager. Es ist viel größer, als es im Frühling war. Aber Hauptmann Siwri ist nicht mehr dabei, und auch wilde Bergbewohner und hergelaufenes Gesindel gibt es hier nicht. Junge Burschen gehen auf den Wiesen umher und werfen Steine, um ihre Kraft zu erproben, andere sitzen vor den Zelten und putzen die langen Büchsen. Im Schatten breitästiger Buchen hokken weißbärtige Wojewoden beisammen, darunter Dobri, Waiko, Nikola-Usun und Waltschan. Ihre Gesichter tragen Narben alter Wunden, ihr Haar ist weiß, ihre klugen Reden fließen gleichmäßig und leise wie das Wasser des Brunnens vor ihnen.
“Tepedelen Ali-Pascha herrscht in Janina”, spricht der Wojewod Dobri und raucht seine lange Pfeife. “In Widin waltet Paswantoglu, in Trastenik Mustafa-Bairaktar. Jeder hat sich ein Stück Land angeeignet, gebietet und richtet über seine Leute. Warum sollten nicht auch wir unser Teil nehmen? Wer kann es uns verwehren, wer uns sagen: ,Das dürft ihr nicht!'”
Er schweigt eine Weile. Als niemand ihm antwortet, hebt er wieder an:
“Ich weiß, was Indsche denkt, und ich werde es aussprechen; denn es ist gut: Erstens will er diese Hunde loswerden, den Kara-Fejis und Emin. Wenn er sie endlich vom Halse hat…”
“Aber wie, frage ich dich!” unterbricht ihn Nikola-Usun und greift nach dem Schwert – aus Gewohnheit, nicht weil es nötig wäre.
“Sachte, sachte! Hör nur zu: Indsche hat dem Kara-Kolju auf getragen, die Esserli-Sultane – die beiden Brüder, weißt du? – zu fangen und mit ihnen nach Scheitan-Pentschos Art zu verfahren. Sie sind mit Kara-Fejis verwandt; sobald der von ihrem Tode hört, wird sein Verdacht auf Jumer-Draß fallen. Und dann werden diese Räuber einander an die Gurgel springen wie zwei Hunde…”
“Jetzt verstehe ich!” Nikola-Usun schiebt die Pelzmütze in den Nacken und lacht dröhnend. “Ja, ich verstehe, das ist gut, ja, das ist wirklich gut!”
Waltschan zieht die Brauen zusammen, bedeutet Nikola-Usun zu schweigen und fragt Dobri:
“Ja, und weiter?”
“Dann werden sich hier auf den Bakadschikhügeln von überallher Helden einfinden und unsere Macht vergrößern. Und wenn uns danach zu Ohren kommen sollte, daß der Moskowiter über die Donau gesetzt ist, so rufen wir: ,Gott hilf uns!’ und fangen an…”
Die Wojewoden fassen ihre Barte, streichen sie, sinnen nach und sehen zu, wie das klare Brunnenwasser rinnt und raunt, als berge es ein Geheimnis. Der Wind fährt durch die Wipfel der alten Buchen, ihre Blätter rauschen. Indsche aber geht vor seinem Zelt auf und ab, wandert dann durch das hohe, im Wind schwankende Gras den Kamm des Hügels entlang. Der Himmel wird dunkel. Wie ein kostbarer Diamant funkelt im Süden ein großer Stern. Indsche schreitet dahin und sinnt. Er hält inne und blickt nach Westen, nach der Romanjaebene. Ihm fällt das Lied der Schnitterinnen ein, er denkt an die Menschen, die vor Freude weinten und ihn wie einen König empfingen. Als er aber nach Osten schaut, zieht sich sein Herz schmerzlich zusammen: Dort, jenseits der Bakadschikhügel, sind die Spuren seiner Raubzüge noch nicht verwischt, dort verfluchen ihn noch immer die Mütter.
Er erinnert sich an Pauna, an sein Kind, und er beschließt: Auch zu dieser Stätte meiner schwersten Sünde muß ich ziehen.
Als er in sein Zelt zurückkehren will, kommt er an den alten Buchen vorbei, unter denen die Wojewoden sitzen. Ihre Gesichter kann er nicht erkennen, nur ihre brennenden Pfeifen leuchten wie Johanniswürmchen. Und Indsche hört Nikola-Usun rufen: “Ja, stolze und würdige Herrscher hat unser Land schon gehabt und wird sie wieder haben. Indsche soll leben!”
Er vernimmt das, nickt, als wäre er einverstanden, und denkt wieder: “Ich muß, ich muß dort hinziehen!”

* * *

Stolz, mit wallender Mähne schreitet Indsches Schimmel einher. Sein Herr führt die Schar die Bakadschikhügeln hinab, dem Meer zu. Heute ist ein hoher Pesttag – Pfingsten -, und im Dorf wird Kirmes gefeiert. Indsche ist heiter, voll guter Gedanken, denn er weiß, wohin er zieht. Hinter ihm reiten auf edlen Pferden die weißbärtigen Wojewoden und Indsches Schar mit dem Fahnenträger Kara-Kolju.
Als sie sich dem Dorf nähern, vernehmen sie Glockenklang. Es ist ganz anders als einst: Kein Schuß fällt, kein Schreckensruf gellt auf, die Leute laufen nicht Hals über Kopf davon. Indsche lächelt, sein Gesicht leuchtet, noch nie hat er so schön, so heldenhaft, so kraftvoll ausgesehen. Die alten Wojewoden schauen ihn an, fahren mit der Hand über die weißen Barte, und das Herz quillt ihnen über vor Freude und Stolz.
Ja, die Bauern von Urum-Jenikjöi dachten nicht an Flucht. Einige allerdings beriefen sich auf das Sprichwort: Der Wolf ändert wohl sein Haar, doch bleibt er, wie er war; sie waren dafür, auf Indsche zu schießen oder zu fliehen. Diejenigen aber, die in dem Sagorje oder in der Romania gewesen waren, widersprachen und sagten, man müsse Indsche wie einen König empfangen – mit der Ikone der Heiligen Dreifaltigkeit, mit Brot und Salz. Dem stimmten alle zu, die in der Kirche versammelt waren. Sie holten die Kirchenfahne, der Priester ergriff mit zitternder Hand das Kreuz und die Ikone; langsam und feierlich, in andächtiger Stille brach die buntgemischte Menge auf und zog Indsche entgegen.
Neben dem Gotteshaus hatten ein Mann und eine Frau, die auf Mauleseln ritten, haltgemacht. Die Frau trug eine kurze, mit Fuchspelz besetzte Jacke und ein feines, grünes Kopftuch. Sie war über die erste Jugend hinaus, aber noch immer sehr schön; sie hatte klare, ausgeprägte Gesichtszüge, und ihre Haltung zeugte von königlicher Würde. Ihr Begleiter war ein alter Heiduck, schon ergraut, doch sehr rüstig, mit roten Wangen, dichten Augenbrauen und einem buschigen Schnurrbart. Die Goldstickerei seines roten Tuchgewandes war ein wenig nachgedunkelt, hinten am Rücken hingen ihm die weiten Ärmel des Überrocks, und der Ledergurt starrte von Pistolen.
Der Mann und die Frau betrachteten die Menschen, die aus der Kirche strömten. Alle, die vorbeikamen, riefen ihnen zu, daß sie Indsche empfangen wollten. Die beiden sahen einander an, ihre Augen wurden feucht. Sie stiegen ab, nahmen die Maulesel an den Zügeln und folgten der Menge. Der Alte runzelte die Stirn und murmelte erregt vor sich hin:
“Ich werde ihm sagen: Ich bin Sjaro, der Pulvermacher – erkennst du mich nicht? Sieh, ich bin gekommen, habe auch Pauna mitgebracht… Als du mordetest und raubtest, schoß ich auf dich, wollte dich töten… Jetzt aber bist du unser Schutz und Schirm, ja unser aller Vater. Laß mich deine Hand und deine Füße küssen und mach dann mit mir, was du willst…”
Indsche hatte das Dorf erreicht. Er beeilte sich nicht und versuchte seinen Schimmel zurückzuhalten, doch der war – wer weiß warum? – unruhig und wild geworden. Plötzlich lief ein zwergenhaftes Männlein auf die Gasse und stellte sich Indsche in den Weg. Es war der Bucklige. Er rührte sich nicht vom Fleck, starrte und starrte, schien sich über den stolzen Reiter zu wundern, über das edle Pferd, über die goldstrotzenden Gewänder und die Pfauenfeder, die an Indsches Pelzmütze zitterte. Indsche wäre an ihm vorbeigeritten, hätte er nicht bemerkt, daß dieses verwachsene Kerlchen unter dem Arm ein kurzes Gewehr trug. Nur gute Gedanken hatte Indsche jetzt im Sinn, an diesem Tag mochte er keinen bewaffneten Menschen sehen. Obendrein war er gut gelaunt und wollte sich einen Spaß machen…
“Du da!” rief er dem Buckligen zu. “Gib die Büchse herl”
Der aber zog finster die Brauen zusammen, zischelte etwas und lief davon. Als Indsche die Augen des Krüppels aus nächster Nähe sah, erwachte in ihm jäh ein Gefühl, dem er keinen Namen zu geben vermochte. Er ließ die Zügel locker und ritt dem Fliehenden nach.
“Die Büchse her!” rief er laut lachend.
Der Bucklige huschte in einen Hof, Indsche sprengte ihm nach. Die Wojewoden warteten draußen auf der Straße, sie lächelten, weil sie wußten, daß ihr Anführer scherzte. Schon machte Indsche kehrt und ritt zurück, da hob der Bucklige die Büchse, zielte und schoß. Der Schimmel bäumte sich, Indsche sank im Sattel zusammen, glitt hinab.
Mehrere Männer sprangen von ihren Pferden, stürzten herzu und fingen ihn auf. Andere verfolgten den Krüppel. Man trug Indsche aus dem Hof in das Haus, legte ihn nieder, knöpfte ihm den Rock auf, suchte die Wunde, beeilte sich, sie zu verbinden. Draußen erhob sich ein schrecklicher Lärm. Rappen preschten hin und her, Dolche blitzten, schmerzerfüllte, verzweifelte Stimmen riefen: “Der Wojewode ist tot! Man hat Indsche getötet!”
Die Reiter sprengten dem Buckligen nach, um ihm den Weg abzuschneiden, ihn einzukreisen. Die Menge, die von der Kirche her nahte, wich zurück und stob auseinander. Frauen schrien, Jammern und Wehklagen erfüllte das Dorf.
Bis zu diesem Augenblick hatte Großmutter Jana, die Kalmückin, an der Mauer ihres Hauses gestanden, wo das Unglück geschehen war. Inmitten des wilden Durcheinanders bewahrte sie die Ruhe, die Alter und Taubheit ihr verliehen. Als sie aber die lauten Rufe hörte: “Indsche! Indsche ist tot!”, da schrak sie zusammen und lief ins Haus. Zitternd betrat sie die Diele; ihre Augen brannten, sie blickte suchend umher. Die Wojewoden, die sich um Indsche bemühten, dachten, sie habe vor Angst den Verstand verloren, und drängten sie hinaus.
Es war ihr dennoch gelungen, Indsche zu sehen. Er lag in der Diele, an die Wand gelehnt, die Pelzmütze mit der Pfauenfeder war neben ihn gefallen. Sein Gesicht zeigte keinen Schmerz, aber er atmete schwer und keuchend, und unter ihm breitete sich eine Blutlache aus.
Auf einmal strömten viele Menschen in den Hof. Sie führten den Krüppel herbei. Zwei Wojewoden hatten ihm die Arme nach hinten gebogen und hielten ihn fest.
“Hat ihn der da erschossen? War es der da?” riefen die Kardschali und zückten die Dolche.
“Wartet! Wir wollen ihn zu Indsche führen! Er soll es uns sagen…”
Die Männer, die bei Indsche standen, traten zurück. Da gelang es Großmutter Jana, an ihn heranzukommen.
“Bist du Indsche?”
“Wer ist dieser Junge?” fragte er. “Dein Sohn?”
“Bist du Indsche? Ach Gott, was ist geschehen!”
Sie sprach mühsam, ihr Unterkiefer bebte. Als sie begriff, daß nur noch wenig Zeit blieb und sie sich beeilen mußte, beugte sie sich über den Sterbenden und flüsterte hastig:
“Dieser Junge ist dein Sohn… Ach, warum habe ich ihn nur aufgelesen! Besser, er wäre damals gestorben…”
Indsche zuckte zusammen, als hätte ihn eine zweite Kugel getroffen. Seine Leute führten den Buckligen herein. Indsche sah ihn an: Häßlich war er, klein und verwachsen. Schmutziges, verfilztes Haar fiel ihm in die Stirn. Er blickte finster drein wie ein wildes Tier, das man aus seiner Höhle herausgeschleppt hat. Aber seine Augen stachen von all der Häßlichkeit ab – schöne braune Augen waren es. Indsche sah sie lange an und erkannte Paunas Augen.
“Da ist er!” riefen die Wojewoden. “Was sollen wir mit ihm tun? Ihm die Haut abziehen? Ihn lebendig auf einen Pfahl spießen?”
Indsche schloß die Lider, wie von Schmerz übermannt, und schwieg. Der Tod verklärte bereits sein Antlitz. Nach einer Weile blickte er auf und sagte:
“So manche Mutter habe ich zum Weinen gebracht. Jetzt ist die Peche an mich gekommen… Tut diesem Jungen nichts zuleide! Kein Haar darf ihm gekrümmt werden. Gebt ihm das” – er reichte seinen Geldbeutel hin -, “und laßt ihn in Frieden ziehen!”
Auf dem Hof bestürmte Sjaro, der Pulvermacher, die zusammengescharten Männer:
“Er stirbt? Das kann nicht sein! Laßt mich durch! Sagt ihm, ich bringe sein Weib, sagt ihm, daß Pauna kommt!”
Indsche, der sich ein wenig aufgerichtet hatte, sank zurück. Draußen schrie eine Frau auf. Die Wojewoden stürzten herbei, stützten Indsche, riefen ihn an, baten ihn, etwas zu sagen – aber Indsche war tot.

Yordan Yovkov-2

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